Von der Kirche St. Martin zu Kirchham ist erstmals in dem hier wiedergegebenem Dokument die Rede. Sie war eine herzogliche Eigenkirche, wann sie eine bischöfliche geworden, ist unbekannt. Die vorliegende Niederschrift, Abschrift der Originalurkunde, handelt von der Übergabe des Zubehörs der Kirche, des Pfarrhofs, könnte man sagen, und dessen Drum und Dran.
Im Passauer Traditionsbuch kommt es mehrmals vor, daß von einer Urschrift gleich zwei Abschriften existieren, so auch in unserem Fall. Solche Doppel weisen Abweichungen auf, die auf Lesefehler oder Mißverständnisse seitens der Kopisten beruhen, an den Rändern finden sich dann auch Berichtigungen ,,von zweiter Hand". Unter Berücksichtigung derselben und mit Hinweis darauf, daß trado auch mitteilen, kundmachen (in Wort oder Schrift) bedeuten kann, läßt sich nicht Wort für Wort, aber sinngemäß, übersetzen:
Im Namen Gottes unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus.
Zu Zeiten des glorreichsten Herzogs Tassilo im dreißigsten Jahr der Regierung. Ich Tassilo gebe zu wissen und bekräftige: Alles,was zur Kirche des heiligen Martin im Ort mit Namen Chirihheim gehört, übereigne ich der Bischofskirche des heiligen Stephan und des heiligen Valentin, die Knechte und Mägde und die abgabepflichtigen Bauern, Wiesen, Felder, Wälder, fließende Gewässer, das Bewegliche und Unbewegliche, was bewirtschaftet ist und was nicht, alles und jedes übergebe ich, wie gesagt, jener Kirche zu dauerndem Eigentum.
Sollte aber jemand dagegen sein oder, was ich aber nicht für wahrscheinlich halte, gar ich selbst oder einer meiner Erben diesungültig machen, der soll dem Zorn des allmächtigen Gottes verfallen und dem soll es wie dem Verräter Judas ergehen und ersoll es mit dem hochheiligen Stephanus und dem heiligen Valentin sowie mit dem heiligen Apostel Petrus zu tun bekommen; dieser Schenkungsbrief soll dennoch gültig bleiben.
Als Zeugen dienten dem Herzog, der diese Urkunde niederschreiben ließ: Bischof Wisurich, der zwei Silbergefäße, zweiMäntel (Überkleider), zwei Pferde und jenes Geld hergab, das er in Inzing liegen hatte. Zeuge Bischof Virgil, auf VerlangenBischof Wisurichs zugezogen. Zeuge Abt Adalperth. Zeuge Machelm. Die Zeugen Utih, Kundpald, Reginolf, Adalker.
Ich aber, Snelhart, unwürdiger Sünder und trotzdem Diakon, habe diesen Schenkungsbrief auf Weisung Tassilo's meines Herrn niedergeschrieben. Abgehandelt in der Hauptstadt Regensburg, da unser Herr regiert in Ewigkeit. Amen.
Die Aufzählung der einzelnen Posten der Schenkung hat keinen direkten Bezug auf Kirchham, sie entspricht einer Standardformel, die in derlei Texten wiederholt erscheint. Wer von den in Regensburg versammelten Herren hätte auch wissen sollen, was speziell in Kirchham vorhanden war. Die Nennung der ,,fließenden Gewässer" hatte den Zweck allenfalls vorhandene Wasser- und Befischungsrechte zu berücksichtigen.
Der Hinweis auf Strafen bei Nichterfüllung oder Widerruf war, wie der ganze Stil solcher Beurkundungen, aus der römischen Rechtspraxis übernommen. Auffallend ist die Prominenz der Zeugen. Virgil, Bischof zu Salzburg, ein sehr gelehrter Ire, kennt auch die Wissenschaftsgeschichte.
Von fränkischer Seite, die auch auf dem Stuhl an der Salzach einen der ihren haben wollte, wurde Virgil beim Papst angeschwärzt für seine Behauptung, die Erde sei eine Kugel und es gebe auch auf der anderen Seite Leute. Er wurde auch prompt nach Rom zitiert. Bei Abt Adalperth handelt es sich wahrscheinlich um den Stifter des Klosters Tegernsee. Ein Graf Machelm war damals Herr von Stadt und Burg Wels, auch Grundherr von Egglfing, dessen Kirche und neun Huben er nach Passau geschenkt. Er hätte bestens in den illustren Kreis gepaßt. War es ein Versehen oder eine Unterlassung des Diakons Snelhart, daß sein Name ohne Titel erscheint? Dürfen wir schließlich in die überschwenglichen Dankesbezeigungen des Passauer Bischofs hineinlesen, daß er mit Kirchham einen besonders geschätzten Fang gemacht?
Und weil es schon um Schenkung geht: Spätestens im Jahre 800 übergab ein Mann namens Kerhart drei Hofstätten mit Gesinde in Tutting an den Dom zu Passau, ein Gut in Tutting auch der Adelige Clauperth. Kirchham und Safferstetten waren Herzogsgut, aber durchaus nicht das einzige hier herum. Herzog Hugberts Sohn Otib, Gründer der Klöster Niederaltaich und Mondsee, stattete letzteres üppig mit Liegenschaften im lnn-Rott-Zwickel aus, so in Weihmörting, Schöffau, Berg, Schönburg könnte Verwaltungssitz gewesen sein.
Es kann verlockend sein, einen vertrauten Ort auf einer Karte, zumal einer recht alten, aufzusuchen, ob er überhaupt aufgeführt ist und mit welchen Gewicht. Die erste Landkarte Bayerns schuf im Auftrag Herzogs Albrecht V. Philipp Apian, Professor für Mathematik und Vermessungswesen an der Landesuniversität Ingolstadt. Die Karte besteht aus 24 Blättern oder Tafeln. Neben den Städten und Märkten ist kein Schloß und kein Edelsitz vergessen, kein Kloster und kein Pfarrort. Überaus wichtig erscheinen die Flüsse und Bäche, von Straßen jedoch keine Spur.
Es gibt allerdings eine Karte, in der Straßen von Hand eingetragen sind mit Ziffern zur Seite, wahrscheinlich Meilenangaben. Bestimmte Orte sind mit einem Posthorn versehen (Malching?). Sicher handelt es sich um eine postamtliche Karte, vielleicht um ein Relikt der Post der Thurn & Taxis.
Die Karte ist rund 300 Jahre alt, die Eintragung der Straßen wohl auch. Da nach H. J. Kellner im Mittelalter und weit in die Neuzeit neue Straßen nicht gebaut wurden, ist es sehr wahrscheinlich, daß die eingezeichneten Straßen die überkommenen Römerstraßen sind. Was alles dafür spricht, braucht hier nicht erörtert zu werden ausser dem, daß nach Pätzold/Uenze bei Osterholzen um die Jahrhundertwende ein erhobenes gekiestes Straßenstück frühgeschichtlichen Alters vorgefunden wurde mit genau der Richtung von SSW nach NNO, wie sie die Karte für diese Stelle angibt.
Den Agilolfingern mußten die Römerstraßen wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen und den einwandernden Germanen willkommene Wegweiser gewesen sein. Für unsere Geschichte hätte die Sache den Reiz, daß nicht erst die Thurn & Taxis, sondern schon die Wagen der römischen Reichspost Kirchham berührten, einladend zu Rast und Tränke, daß Kirchham somit von Anfang an an einer Ader des einstigen Weltverkehrs lag. Um das Jahr 1800 war das schon anders. Wie dem Straßenatlas des Adrian von Riedl von 1796 zu entnehmen ist, lief damals die Chaussee von Simbach nach Schärding bereits über Tutting. Im Begleittext heißt es: Schambach ist ein Dorf mit 5, Tutting aber mit 20 Häusern. Sie gehören zum Pfarrdorf Kirchheim, auch Kirchham, dies Dorf liegt rechts neben der Straße und hat 24 Häuser. Pocking ist eine Hofmarch mit einer Pfarrkirche und 45 Häusern, unter denen sich der Gasthof befindet".
Alles in allem: Als Kirchham im Jahre 1977 auf zwölf Jahrhunderte seines Daseins zurückblickte galt dies seinem Namen und dem ehrwürdigen Alter des Pfarrdorfes. Als Stätte menschlichen Wohnens und Werkens ist es älter.
Aus Kirchhams frühester Vergangenheit
Kirchham feierte im Jahre 1977 sein 1200-jähriges Bestehen. Ermächtigt wurde es dazu von Herzog Tassilo aus dem Geschlecht der Agilolfinger, der einen zu seiner Eigenkirche gehörigen Besitz ,,in dem Ort, der Chirihheim genannt wird", dem Dom des Hl. Stephan und Valentin zu Passau übergab. Die Schenkung nahm der damalige Bischof Wisurich entgegen, der fünfte auf dem Passauer Stuhl.
Wisurich starb, wie neueste Forschungen ergaben, nicht im Jahre 774 n. Chr., sondern 777. Seit Tassilos Schenkung sind demnach wenigstens 1200 Jahre vergangen. In den ältesten Aufzeichnungen des Passauer Domstiftes steht klipp und klar, Herzog Hugbert habe fünfzehn Mansen (Hofstätten) zu Chirihheim nach Passau gegeben. Hugbert war Tassilos Großvater, gestorben 736 oder 737. Nun geht es aber nicht um Ort und Namen Kirchham allein, sondern um die Gemeinde, die weltliche und die kirchliche, und um die Fluren, die all die Jahrhunderte Mensch und Tier ernährten und ihre Kinder wieder aufnahmen, wenn es mit dem Leben zu Ende war.
Ganz unvermittelt tauchten um 550 die Bayern zum erstenmal in der Geschichte auf: ein Bauernvolk, gutmütig und jähzornig, sinnfroh und aufwenderisch, eigensinnig und beharrend wie noch heute. Das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt, wurden sie zu Hunderten in Reihengräbern bestattet, die Männer das Schwert an der Seite, die Frauen mit dem schönen Schmuck der Völkerwanderungszeit angetan. Auch Kirchham, ein Jahrtausend lang Kirchheim geheißen, hat Reihengräber. Der Friedhof befand sich südlich der heutigen Kirche und gab bisher zwanzig Gräber zu entdecken, zufällig bei Baumaßnahmen gefunden. Das Gebiet ist sicher viel reicher an solchen Gräbern, da aber überbaut, eingehenderer Erforschung nicht zugänglich.
Die zum Friedhof gehörige Siedlung muß sich östlich oder am Ostrand des heutigen Kirchham befunden haben. Die Ortsnamenforscher setzen die -heim und -ham Orte jünger an als die -ing-Orte und weisen ihnen herzogliche Vaterschaft zu. Die Herzöge der Bayern, mit denen wir es zu tun haben, waren vom Geschlecht der Agilolfinger mit Ursprung im Frankenreich oder in dem von den Franken unterworfenen Burgund. Und dies nicht durch Zufall: Um auch in der römischen Hinterlassenschaft auf unserer Seite des Rheins Einfluß zu haben, sorgten die Herrscher westlich des Stroms dafür, daß die Bayern von Leuten ihres Interesses regiert wurden.
Ein für die Geschichte Bayerns höchst folgenreiches Geschehen war die Einteilung des Landes in vier Diözesen mit den zugehörigen Bischofsitzen durch Bonifatius zur Zeit und auf Betreiben des Herzogs Otib. Die Einrichtung der Bischofsitze und der Domkapitel als Mitarbeitergremien der Oberhirten, der Domschulen zur Heranbildung der Priester und der Pfarreien erforderte die Sicherung des Lebensnotwendigen für die beteiligten Personen. Mit Geld war dies damals nicht zu machen, also waren die Besitzenden aufgerufen an die Kirche Grund und Boden und Arbeitskräfte zu schenken sowie ihre Eigenkirchen der bischöflichen Gewalt zu übergeben.
Die Schenkungen (Traditionen) wurden von bischöflichen Notaren verbrieft, durch Zeugen beglaubigt und die Urkunden sorgsam aufbewahrt. Um sie leichter bei der Hand zu haben, wurden exakte Abschriften angefertigt und zusammengebunden. Ein Traditionsbuch aus dem 9. Jahrhundert vom ehemaligen Hochstift Passau kam anläßlich der Säkularisation im Jahre 1803 nach München, einer der wertvollsten Schätze des Hauptstaatsarchivs.
Alles, was wir aus der Frühzeit von hier wissen, wissen wir allein aus diesen Blättern. Damals war das Land verwaltungs- und gerichtstechnisch in Gaue gegliedert und nach diesen Gauen sind die Eintragungen geordnet. Sämtliche Schenkungen aus dem diesseitigen Innufer bis hinauf gegen Mühldorf, wo die Diözese Salzburg angrenzt fahren unter "Rotahgouue" 'Rottachgau' andere unter Traungau und Mattiggau.